Unsichtbare Feinde. Bakteriologie und politische Sprache im deutschen Kaiserreich – Christoph Gradmann

Die Sprache, mit der über die aufkommende Bakteriologie in Deutschland im späten 19. Jhdt. von Bakteriologen, Politikern und der Öffentlichkeit gesprochen wird, ist reich an Metaphern, mit der sich Wissenschaft und Weltgeschehen gegenseitig befruchten. Der Wissenschaftshistoriker Christoph Gradmann untersucht dieses Verhältnis und seine Bedeutung im deutschen Kaiserreich. Das Aufkommen der Bakteriologie, das Ackerknecht als das wichtigste medizinische Ereignis des 19. Jhdt.s bezeichnet, trägt unter anderem deshalb ein so großes Heilsversprechen in sich, weil sich die hygienischen Maßnahmen, mit denen sich Krankheitserreger abtöten und Krankheiten verhindern lassen, im Badezimmer reproduzieren lassen. Die Abhängigkeit der Öffentlichkeit von Ärzten und anderen Fachleuten bei der Gesundheitsvorsorge schwindet also mit ihr etwas. Krankheiten bekommen mit der Entdeckung ihrer Erreger durch Bakteriologen wie Koch und Pasteur ein Gesicht für die Medizin wie für die Öffentlichkeit. Dabei spielen auch neue Visualisierungstechnologien (etwa das Einfärben oder das Anlegen von Reinkulturen) eine Rolle. Diese Visualisierung macht dann auch eine Benennung möglich und nötig. Das einfache Bild von der präzisen Wissenschaftssprache und der von Metaphern geschwängerten Sprache der Öffentlichkeit trifft dabei so nicht zu. Die wissenschaftliche Sprache ist selbst von Metaphern aus der Alltagssprache (etwa von der Ansteckung) durchsetzt und mit den neuen Erkenntnissen der Bakteriologie angereichert wandern diese Metaphern zurück in die Alltagssprache. Die wichtigste Metapher in der Kaiserzeit ist die des Krieges. Oft wird auch keine Unterscheidung mehr zwischen Krankheit und Erreger getroffen. In der Metaphorik der Bakteriologie ist auch vom Kranken oder Patienten nicht mehr die Rede, es gibt nur noch die Ärzte und Bakteriologen auf der einen und den Feind, die Mikrobe auf der anderen Seite. Von der Bakteriologie werden dann auch Lösungen politischer Fragen erwartet. So soll die Hygiene etwa soziale Probleme ausräumen. Die Rede des Ministerialrates Althoff von einer „wissenschaftlichen Mobilmachung“ fügt sich in dieses Muster ein, das vom „Bazillenjäger“ Koch selbst auch gerne aufgegriffen wird. Die Metaphorisierung des Verhältnisses von Mensch und Mikrobe bahnt dann den Weg für ihre Gleichsetzung. Der Weg zum „jüdischen Parasiten“ ist kein weiter mehr. Die Politik der Rassisten bedient sich der Sprache der Bakteriologie, die bereits in die Öffentlichkeit zurückgeflossen ist. Dass die Nationalsozialisten mit Zyklon B später ein Schädlingsbekämpfungsmittel zum Massenmord an Menschen einsetzen ist die bittere Pointe von einer sich verselbstständigenden Metaphorik.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *.

X

Wörterbuch der Hygieneaufklärung

Artikel in Großansicht